Dominik Rivinus Interview

„Eigentlich bin ich überhaupt kein Hip-Hop-Head“

Der Traum eines jeden Hip-Hop-begeisterten Musikers oder Produzenten dürfte sein, einmal für einen bekannten Rapper zu arbeiten. Genau das ist Dominik Rivinius gelungen. Im Gespräch zeigt er seinen Weg dorthin auf.

rm 202106 introbild dominik rivinusAlles begann, als Dominik Rivinius, genannt „Dom“, als Zehnjähriger auf einem Dorfkonzert war. Vor allem der Schlagzeuger des damaligen Jugendorchesters hatte es ihm angetan. Voller Begeisterung bat er seine Eltern, Schlagzeugunterricht nehmen zu dürfen. Sieben Jahre später fand er sich in einer Band ein, mit der ihm ein steiler Aufstieg bevorstand. Nur ein Jahr danach, mit 18 Jahren, spielte er mit seiner Band nicht nur auf Festivals, sondern trat sogar 2008 bei Stefan Raabs Bundesvision Song Contest und der Fernsehshow TV Total auf. Sein ursprüngliches Ziel, Profi-Drummer für bekannte Künstler zu werden, vernachlässigte der gebürtige Saarlouiser mit Anfang 20. Audioproduktionen im Allgemeinen hatten ihn in den Bann gezogen. Er versuchte sich in diversen Bereichen wie Musikkompositionen für Werbung und der Produktion von Audiologos. Letztendlich hat er sich für die Musikproduktion
entschieden und sich über Jahre hinweg ins Mixing hineingefuchst. Über seinen Weg, der beim Selbststudium begann, ihn in die USA führte und sogar Teil eines Eminem-Songs werden ließ, hat er mit uns gesprochen.

Der Schritt vom Drummer zum Mixing-Engineer ist groß. Wie hast du dir das Wissen angeeignet?

Dominik Rivinius: Ich habe in über 50 Bands gespielt. Wir haben uns natürlich oft selbst aufgenommen, um beispielsweise Demos zu produzieren. Diesen Prozess fand ich schon immer spannend. Hinzu kam, dass mich die Elektro- und Dubstep-Szene extrem fasziniert hat – es war etwas komplett Neues für mich. Ich hatte damals keine Ahnung von diesen Genres, war aber von den Sounds und der Aggressivität beeindruckt. Schlussendlich habe ich beschlossen zu lernen, wie man diese Genres produziert. Ich habe dann relativ schnell gemerkt, dass alles, was ich gemacht hatte, nicht wirklich geil klang ohne ein entsprechendes Mixing. Heutzutage verschwimmen die Rollen in diesem Bereich ja ohnehin ein Stück weit. Nach und nach habe ich mir das nötige Wissen dann angeeignet – anfangs noch per Youtube- Videos, was aber oftmals gefährliches Halbwissen war. Über die Jahre habe ich einfach Erfahrung gesammelt und
mich mit jedem Song neu ausprobiert. Irgendwann war ich an dem Punkt, an dem ich mir dachte: „Jetzt bin ich da weit genug, ich muss in die Welt raus und ein paar Connections machen“.

Wie ist es dir gelungen, einen Fuß in die Tür der professionellen Musikproduktion bekommen?

Dominik Rivinius: Kontakte sind enorm wichtig in diesem Business. Können ist das eine, aber ohne die richtigen Kontakte ist es sehr schwierig, sich zu etablieren. Zu der Zeit, als ich beschlossen hatte, mein Mixing-Business auszubauen, gab Ken Lewis einen Workshop in Berlin. Ken Lewis ist einer der amerikanischen Star-Mixer, der unter anderem schon mit Arianna Grande und BTS gearbeitet hat, bevor sie berühmt wurden. In seinen Referenzen finden
sich aber zum Beispiel auch Drake und Kanye West. Beim Workshop kam es zum Gespräch zwischen Ken und mir und es stellte sich heraus, dass ich ihm tatsächlich bei etwas helfen konnte (lacht). Das war natürlich reines Glück, aber dadurch hat sich unser Kontakt intensiviert.

Du wurdest sogar von Ken in sein Studio in die USA eingeladen …

Dominik Rivinius: Genau. Zu dem Zeitpunkt, als Corona anfing, ging ich für drei Monate nach New York, um bei Ken zu lernen. Ich durfte direkt in seinem Haus wohnen, in dem sich auch sein Studio befindet. Somit bin ich quasi automatisch zu seinem Assistenten geworden. In dieser Zeit habe ich ihn natürlich auch um Mix-Feedbacks gebeten und informationsseitig aufgesaugt was ging. Bei ihm durfte ich noch den Feinschliff lernen, denn wenn man sich alles selbst beibringt, schwingt immer eine gewisse Unsicherheit mit. Man fragt sich, wie die Profis das machen. Ich habe in dieser Zeit extrem viel gelernt und dadurch meine Fähigkeiten sowie mein Selbstvertrauen auf ein anderes Level gehoben.

Kannst du uns ein paar Tipps verraten, die du bei Ken gelernt hast und die für dich auschlaggebend waren, um ein professionelles Niveau zu erreichen?

Dominik Rivinius: Gerne! Was mich sehr überrascht hat, war, wie wenig Plug-ins genutzt wurden. Ich habe Sessions mit 60 Instrumenten- und 20 Vocal-Tracks gesehen, bei denen nur die Vocals stark bearbeitet wurden, um dem Marktstandard zu entsprechen. Die anderen 60 Spuren waren teilweise nur mit fünf bis sechs Plugins insgesamt bearbeitet – also fünf bis sechs Plug-ins für alle 60 Spuren! Das war auf jeden Fall ein großer „Aha-Moment“ für mich, denn wie oft hört man, dass auf alle Spuren ein Kompressor, Low-Cut, Channelstrip und so weiter müssen. Und genau das meinte ich mit „gefährlichem Halbwissen“. Außerdem habe ich gelernt, dass etwa 70 Prozent eines guten Mixes die richtigen Balancen ausmachen. Wenn die Lautstärkeverhältnisse zueinander stimmig sind, ist der Song quasi fast fertig, ohne dass überhaupt ein Plug-in zum Einsatz kam. Richtig bewusst wurde mir das, als ich einen Client-Track von Ken einen Tag nach ihm gemischt habe. Ich hatte diverse Effekte und Processing-Tools auf der Bassspur, um eben einen runden Bass zu bekommen. Trotzdem habe ich Kens Vorlage klanglich nicht erreichen können und ihn um Rat gefragt. Mit allen Plug-ins auf Bypass und die Lautstärke um zwei dB erhöht hatte sich das Rätsel dann aufgelöst, das war ein krasses Erlebnis. Des Weiteren habe ich gemerkt, dass, wenn man nicht mit der Maus mischt und sich nicht nur auf die Augen verlässt, das Ergebnis besser wird. Bei Ken durfte ich auf seiner SSLKonsole mischen. Ich habe mir für mein Studio den 16-spurigen DAWController Icon Qcon Pro geholt, denn damit mische ich nach Gehör und fokussiere mich nicht auf die Anzeigen auf dem Bildschirm, die das Urteilsvermögen beeinflussen. Wenn man beispielsweise einen Equalizer nimmt und eine störende Frequenz bei 300 Hz hört, zieht man diese heraus. Wenn ich nun diese Frequenz, rein nach Gehör, um 15 dB absenke und es sich gut anhört, werde ich zufrieden sein. Wenn ich aber auf den Bildschirm schaue und sehe, dass es 15 dB Reduktion sind, werde ich den Frequenzbereich vielleicht nur um 10 dB absenken, weil ich glaube, dass der Mix sonst unausgeglichen wird – schon habe ich eine Entscheidung getroffen, die auf einem visuellen Eindruck basiert, der mit dem Klang letzten Endes nichts zu tun hat.

Hast du noch Tipps für die Bearbeitung von Vocals? Wie bekommt man einen modernen Pop- oder Rap-Gesang?

Dominik Rivinius: Das kommt natürlich auf die Aufnahme an. Was ich aber eigentlich immer mache und auch oft bei Ken gesehen habe, ist, die Vocals in einem ersten Schritt (teilweise stark) zu komprimieren. Da bewegt man sich
in besonderen Fällen durchaus im Bereich von 16 bis 20 dB Gain-Reduction, wenn es krasse Dynamikunterschiede gibt. Solche drastischen Bearbeitungen passieren aber meist nur an einzelnen Stellen und mit mehreren Kompressoren und Limitern über die gesamte Vocal-Chain, nicht in einem einzigen Plug-in. Die Stimme muss am Ende einfach gut nach vorne treten und einen ausgeglichenen Sitz haben. Wenn heftige Kompression dafür notwendig
ist, ist es für diesen Fall eben das Werkzeug, zu dem ich greife. Die Höhen hebe ich gerne mit dem Waves API 560 an, insbesondere die oberen zwei Bänder (8/16 kHz). Dadurch bekomme ich „air“ und „harshness“ in das Signal.
Die S- und Zischlaute müssen anschließend noch mit einem De-Esser gebändigt werden. Je nach Bedarf lege ich noch etwas Saturation auf die Stimme oder verzerre sie, um sie durchsetzungsfähiger zu machen.

Fährst du diese harte Kompression direkt auf der Spur oder als Parallelkompression?

Dominik Rivinius: Die Kompression erfolgt direkt auf der Spur. Ich habe Vocals bisher nie mit Parallelkompression bearbeitet, weil ich noch auf kein Problem gestoßen bin, dessen Lösung Parallelkompression gewesen wäre. Saturation
oder Verzerrung hingegen fahre ich öfter als Send-Effekt.

Nach deiner Rückkehr nach Deutschland hast du in Pirmasens ein Studio eröffnet. Wie heißt dein Studio und welche Dienstleistungen bietest du an?

rm 202106 inhbild dominik rivinusDer amerikanische Star-Mixer Ken Lewis (rechts) tat sich mit Dom Rivinius zusammen und verschaffte ihm unter anderem einen Auftrag für Eminem.Dominik Rivinius: Da erwischst du mich kalt, mein Studio hat keinen Namen (lacht). Ich sehe es eigentlich nicht als ein institutionelles Studio, sondern mehr als ein Projektstudio, in dem ich an allen möglichen Sachen arbeite, die
ich nach vorne treiben will. Natürlich mache ich dort auch Mixes und Kompositionen diverser Auftraggeber, aber ich möchte in erster Linie meinen eigenen Namen bekannt machen und nicht ein Studio etablieren.

Warum hast du dir als Standort Pirmasens ausgesucht?

Dominik Rivinius: Es ist schwierig, einen geeigneten Raum zu finden. Dieser darf zum Beispiel nicht in einem Bürogebäude sein, sonst stört man alle anderen. Eine Fabrikhalle wäre wiederum abgeschieden, aber viel zu groß. Nach einem halben Jahr habe ich dann endlich einen passenden, nicht allzu großen Raum gefunden, der von drei Seiten von Feld, Wald und Wiese umgeben ist – deshalb bin ich in Pirmasens.

Das bedeutet also, dass du Producing, Mixing und Mastering anbietest, aber kein Recording im größeren Stil.

Dominik Rivinius: Genau. Es ist kein Recording-Studio. Ich habe weder das Equipment noch das Wissen dafür. Ich kann aufnehmen, was ich für meine Produktionen brauche, aber selbst meine Gitarre geht direkt in mein Apollo-Interface und wird via Re-Amping virtuell bearbeitet. Ein Drumset mit acht oder neun Mikrofonen kann ich hier definitiv nicht aufnehmen. Mastering mache ich auch nicht, weil ich Leuten, die mit „frischen“ Ohren nochmal herangehen, mehr vertraue. Außerdem möchte ich an potenziellen Grammy-Hits im amerikanischen Markt mitarbeiten – und dort wird niemand sagen „Ich habe das gemischt und ich mastere das auch, weil ich das kann“. In der Regel gibt es dort immer getrennte Mixingund Mastering-Engineers.

Um beim Beispiel der Gitarre zu bleiben: Du nimmst wirklich alles trocken auf und arbeitest virtuell nach?

Dominik Rivinius: Das hängt von meiner Vision ab. Wenn ich das Gefühl habe, dass ein Song zum Beispiel einen bestimmten Verstärker braucht, um eine gewisse Emotion zu erzeugen, dann leihe ich mir diesen aus. Der Punkt ist,
dass ich kein Studio bin, in dem du dich einmieten kannst und sämtliches Equipment zur Verfügung steht.

Wie gehst du vor, wenn Drumaufnahmen benötigt werden? Es ergibt natürlich Sinn, dass du als Drummer die selbst einspielst. Nutzt du dafür E-Drums oder gehst du in ein Studio?

Dominik Rivinius: E-Drums würde ich nicht machen. Wenn mich jemand fragt, Drums einzuspielen – das ist beispielsweise mal bei einer Mark-Ronson- Produktion (Anm. d. Red.: britischer Produzent und DJ) vorgekommen – gehe ich in das Studio eines Freundes. [...]

 

Das vollständige Interview gibt es hier:

recording-Magazin Ausgabe 06 / 2021

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