Musik und der Anspruch der absoluten Perfektion

Seit 20 Jahren betreibt Lori Lorenzen das Fluxx-Tonstudio im Münchner Norden und findet vor allem für Klassik und Jazz die richtigen Töne. Dass sich in dieser Zeit nicht nur viele technische Möglichkeiten, sondern auch die Musiker verändert haben, bestätigt uns der Studio-Betreiber im Online-Kurz-Interview.

Lori, sind Musiker früher besser vorbereitet ins Studio gegangen?

Lori Lorenzen: Als ich im Studio anfing, hat man manche Dinge noch ganz anders gehandhabt. Man hat zum Beispiel gesagt: Die Gitarre ist an dieser einen Stelle nicht so ganz tight gespielt, nicht ganz zusammen mit den anderen Instrumenten, aber das ist toll, das hat so einen starken Ausdruck, lass uns diese Stelle trotzdem nehmen. Das gibt es heute nur noch sehr selten.

Früher hat man nach dem Take mit dem besten Ausdruck gesucht, heute sucht man nach dem technisch besten Take?

Lorenzen: Viele Amateur-Bands haben den Anspruch, genauso gut zu klingen wie Top-Profis, und das lässt sich heute mit dem entsprechenden Budget auch sehr viel eher umsetzen als damals, es gibt dabei allerdings auch Grenzen, und der wirklich fitte Musiker wird trotz aller Technik auch immer erkennbar bleiben.

Früher hat man tagelang aufgenommen und in wenigen Stunden gemischt, heute wird in wenigen Stunden aufgenommen und dann im Mix zu retten versucht?

Lorenzen: So extrem ist es nicht. Aber ich habe in den Anfängen noch analog aufgenommen, da war das Bandmaterial recht teuer und Musiker haben sich genau überlegt, ob sie noch einen weiteren Take aufnehmen oder nicht. Heute nimmt man anstatt zwei oder drei auch mal zwanzig Takes auf. Kostet zwar kein Bandmaterial, aber dafür sehr viel Zeit, denn alle Takes müssen ja durchgehört werden, von anschliessenden Schnitt-Orgien ganz zu schweigen. Das gilt im Übrigen auch für die Klassik. Ich möchte behaupten, dass in keiner anderen Musikrichtung so viel geschnitten wird wie in der Klassik. Das hängt natürlich in erster Linie mit einem übersteigerten Perfektionsanspruch zusammen. 

Ist das tatsächlich so?

Lorenzen: Das ist ohne Zweifel so. Allerdings muss man sagen, wenn du es mit einem wirklich guten Klassiker zu tun hast, dann geht es nicht darum, dass irgendein Ton falsch ist, da geht es eher um den Ausdruck, die Intensität, die Bögen etc. Aber manchmal gibt es schon Merkwürdiges: Ich habe hier mal Cello-Sonaten mit einem Cellisten und einer Pianistin aufgenommen, die haben fantastisch gespielt. An einer Selle kam der Cellist mit dem Bogen ganz leicht an den Notenständer, das war fast nicht zu hören, ein minimales Geräusch im Hintergrund. Aber das hat ihn so gestört, dass wir einen ganzen Tag lang versucht haben, aus allen möglichen Takes diese Stelle so zusammenzusetzen, dass das Geräusch nicht mehr zu hören und er zufrieden war. Das ist dieser maßlose Anspruch der absoluten Perfektion. Und um da zu bestehen, wird genauso weiterproduziert. 

Wie viel nachträgliche Korrektur ist noch in Ordnung?

Lorenzen: Das ist ein interessantes Thema. Es gibt durchaus Sängerinnen, die kommen hier rein, singen, dann wird das geschnitten und dann heißt es: Jetzt bitte alles nachintonieren. Also wirklich alles. Das ist aus meiner Sicht fragwürdig. Die Töne sitzen zwar alle perfekt, aber das nimmt den Aufnahmen die Menschlichkeit, die gerade im Gesang so wichtig ist.