Ghost City Recordings: Botschafter der Musik

Jan Kerscher und Alex Adelhardt gehen mit einer in der heutigen Zeit selten gewordenen Zielstrebigkeit an ihre Produktionen heran. Die beiden Betreiber von Ghost City Recordings erklären uns ihre Arbeitsphilosophie.

Hausbesuch bei Ghost City Recordings

Mit etwas mehr als hundert Einwohnern ist Oberbreitenlohe, offiziell ein Ortsteil von Röttenbach, nicht unbedingt der Nabel der Welt – mancher mag eher an die Kehrseite derselben denken. Doch genau die dörfliche Situation inspirierte Jan Kerscher seinerzeit zum Namen „Ghost City Recordings“, freilich angelehnt an den Begriff der „Geisterstadt“. „Im Nachhinein habe ich festgestellt, dass man im Englischen nie ghost city sagen würde“, erzählt Kerscher. „Das Wort gibt es gar nicht. Es gibt nur ‚Ghost Town‘. Falsches Englisch im Namen, das geht eigentlich gar nicht“, lacht er. „Aber dann habe ich es für mich interpretiert. ‚Ghost‘ bedeutet ja schon auch Geist im Sinne von Seele, und ‚City‘ bedeutet, da ist schon Aktivität, das ist kein Kaff. Und so ist es auch, alle Leute, die hier reinkommen, fühlen sich sofort inspiriert und haben Bock, Musik zu machen.“

Das kann man ihnen nicht verdenken, in der Tat fühlt man sich sofort wohl im Hause Ghost City. Das liegt natürlich zu einem guten Teil an der offenen und herzlichen Begrüßung durch die Betreiber Jan Kerscher und Alex Adelhardt, aber auch an der Einrichtung des Studios, das auf eine sehr freundliche Weise modern wirkt, ohne prätentiös zu scheinen. Man kann sich sofort vorstellen, wie gerne Bands hier wochenlang an ihren Songs arbeiten.

Das Wohnstudio

Genau so war Ghost City Recordings auch von Beginn an ausgelegt. „Viel Platz war uns von Anfang an wichtig“, erklärt Kerscher, „auch weil wir die Unterbringung und die Küche für den Wohlfühl-Faktor wollten“. So ist Ghost City Recordings auf zwei Etagen aufgebaut: Im Erdgeschoss findet sich das Studio mit Regien und Aufnahmeräumen. Im Stock darüber gibt es mehrere Räume mit Betten für die Bands. „Es musste einfach diesen Wohnaspekt geben“, betont Adelhardt. „Viele Leute kommen aus anderen Studios oder aus der Großstadt und finden es super, hier einfach mal ihre Ruhe zu haben und sich entfalten zu können, sich zu sammeln und Musik zu machen. Wenn man dann irgendwann nachts noch die zündende Idee hat, kann man schnell noch mal runtergehen und das machen. Man muss nicht erst aus dem Hotel zurückfahren und ist wieder komplett raus aus dem Gefühl.“

Kerscher ergänzt die Gefahren einer solchen Situation. „Das kann auch ein Nachteil sein. Man ist immer drin. Das führt oft zu Stau-Situationen, wo sich alle richtig auf die Nerven gehen. Dann streiten sich zwei und man macht einen halben Tag Pause.“ Trotzdem ist die Unterbringung ein wesentlicher Teil von Ghost City Recordings. „Für uns war das von der ersten Minute an selbstverständlich. Es gab nie den Gedanken, ein Studio ohne Unterbringung zu machen.“

Musik im Zentrum

„Damals auf dem Dachboden schon“, erinnert sich Kerscher, „da haben wir Matratzen ausgebreitet und da gepennt, alle zusammen. Für mich war das immer ein Kernaspekt meiner Produktionsarbeit, dass man gemeinsam lebt, gemeinsam den Tag erlebt, gemeinsam arbeitet. Musik machen ist ja auch etwas sehr Intimes. Du gibst als Musiker die Frucht deiner Emotionalität vertrauensvoll an jemand anderen ab. Um dieses Vertrauen zu schaffen, ist die gemeinsame Wohnsituation oft hilfreich.“

Überhaupt spielt der Musiker bei Ghost City Recordings die zentrale Rolle. Er soll sich wohl fühlen, soll sich ganz auf seine Musik und Performance konzentrieren können. Darum liegt das Studio nicht in einem belebten Stadtzentrum, darum kann der Musiker direkt über dem Aufnahmeraum schlafen. „Traurig“ findet Kerscher die aktuelle Rolle des Musikers im Studio. „Der Musiker rückt immer mehr in den Hintergrund. Der Produzent steht vorne und sagt, wie es läuft. Wir stemmen uns aktiv dagegen und ermutigen Musiker, sie selbst zu sein.“ Die eigene Rolle beschreibt er so: „Übergreifend sehe ich mich eher als Botschafter der Musik. Wirklich wichtig ist nicht, dass die Gitarre genug 10 kHz hat, sondern dass die Musik bekommt, was sie braucht. Dass jeder Song, wenn es ein guter Song ist, das bekommt, was er braucht.“ Und so tunen die Geisterstädter nicht die gemachten Aufnahmen, sondern vor allem das Signal an der Quelle.

Ausstattung für Musikbotschafter

Die Haltung der beiden Studiobetreiber schlägt sich auch auf ihre Equipment-Entscheidungen nieder. „Ich werde auch den Rest meines Lebens nicht einsehen, für einen Kanal Analog-Kompression 3.700 Euro auszugeben“, betont Kerscher. „Das wird nicht passieren. Weil es einfach unnötig ist.“ Da sind sicherlich viele Engineers anderer Meinung. Kerscher führt weiter aus: „Viel wichtiger sind uns die Räume und die Klangquellen. Wesentlich mehr als Kompressor-Kästchen haben wir Gitarren, Bodentreter, Amps, Schlagzeuge, Percussions – alles, was man so braucht. Manchmal ist es einfach klüger, einen anderen Bass in die Hand zu nehmen, als so lange am EQ zu drehen, bis der Bass klingt, wie du möchtest. Genau so ist es mit Mikrofonen. Wir haben eine große Auswahl an Mikrofonen, alle Arten und Hersteller, um einfach die Quellen so gut wie möglich darstellen zu können.“

Einen wichtigen Anteil an der Aufzeichnung hat das Pult bei Ghost City Recordings: ein Soundtracs Jade. Die Konsole war die erste Anschaffung bei der Gründung des Studios und stand zunächst in einer Garage; später wurde dann die Regie A um das feine Stück Audio-Elektronik herumgebaut. Warum Soundtracs und nicht SSL oder Neve? „Das war nie unser Drang“, erläutert Adelhardt. „Wir haben das Pult gefunden, sind nach Hamburg gefahren, haben es uns angesehen und fanden es cool.“ „Wir wollten nie mit namhaftem Equipment angeben“, konkretisiert Kerscher. „Klar hätte man sich eine SSL kaufen können. Gebraucht wäre die nicht aus dem Budget rausgefallen. Aber das Soundtracs-Pult hat uns einfach ungeheuer gut gefallen. Das ist wirklich ein Killer-Pult! Ich kann nur für Soundtracs schwärmen.“ Eine Besonderheit der Soundtracs-Konsole sind die Equalizer, wie Kerscher erklärt: „Der EQ boostet mehr, je höher die Frequenz wird. Ich will jetzt nicht sagen, dass der seidig klingt, weil das alle sagen, aber der klingt schon seidig!“ Sprichts und lässt ein ehrliches Lachen zwischen Herzlichkeit und Schelmenhaftigkeit hören. Wie sehen die übrigen Equipment-Entscheidungen aus? „Pragmatisch“ nennt Kerscher die Art, wie in Ghost City zugekauft wird. „Wir haben zum Beispiel die Pultec-Klone von Warm Audio drin, weil die einfach gut sind.“

Mixing 2016

Analoge Schätze der anderen Art bilden einen weiteren Pfeiler der Arbeitsweise von Adelhardt und Kerscher. „Wir arbeiten viel mit UAD“, verkündet ersterer. „Ich finde, wenn man gut recordet und man danach im Mix mit UAD-Plug-ins rangeht, die bombastisch gut klingen, dann ist das für mich das Mixing-Zeitalter 2016.“ Bei allem Pragmatismus bleibt aber auch die Leidenschaft für edles Outboard.

Die Grundsatzdiskussion Analog gegen Digital führt man bei Ghost City Recordings eher nicht. Adelhardt: „Ich persönlich mag es, analog zu recorden, also mit Outboard zu arbeiten und EQ und Kompressor schon mit aufzunehmen. Im Mix arbeite ich dann viel in the box, weil ich mir Wärme und Charakter größtenteils im Recording geholt habe – den Rest macht die UAD.“ Grundsätzlich empfiehlt der Produzent: „Am Ende zählt das Ergebnis, der Song. Wenn es analog besser für dich funktioniert, dann machst du es analog. Wenn du es digital cooler findest, dann mach es so.“

Kerscher hat eine ganz eigene Meinung zum alten Glaubenskrieg der Audio-Welt. „Ich habe den Eindruck, dass die Diskussion falsch geführt und von den meisten auch falsch verstanden wird. Wenn du den Charakter einer Bandmaschine emulieren willst, kannst du das mit den heutigen Emulationen machen. Was man nicht emulieren kann, ist Workflow. Wenn du eine reine Analog-Produktion machst, hast du die ganze Vorplanung, das übermäßige Proben, das man braucht, damit die Band wirklich, wirklich spielen kann, das Bandmaschinen-Einmessen, die Sorgfalt bei Aufstellung und Auswahl von Mikrofonen, weil du nur begrenzte Spuren hast. Das ist so viel gedankliche Vorleistung, die da rein fließt, dass das Ergebnis oft besser wird. Bei Bands ist es ja so, dass man nicht öfter als zehn oder zwölf Mal draufspielen kann. Darum überlegt man sich genau, wann man etwas recordet. Ich glaube, wenn man gewissenhaft arbeitet, kann man in der digitalen Welt diese Ergebnisse umsetzen, in einer noch besseren Qualität. Ich bin ein Fan von digitalen Werkzeugen, aber auch ein Fan von analogem Workflow. Entscheidungen fällen, vorarbeiten, proben, sich genau überlegen, was man macht und was nicht.“

Arbeit in der Geisterstadt

Diese Arbeitsweise unterscheidet sich stark von dem, was heute in der Musikproduktion Usus ist. Bei Ghost City Recordings geht es nicht um die sauberste Aufnahme, die meisten Spuren, die größte Auswahl oder die vielseitigsten Optionen. Es geht um klare Sound-Vorstellungen und ihre Umsetzung. Im Idealfall wird der Sound bei der Aufnahme bereits fast fertig umgesetzt. „Klar, es gibt Fälle und vor allem Genres, wo man nacharbeiten muss“, relativiert Adelhardt. „Aber vor allem im Studio A hat man durch den Raum und das Equipment die Möglichkeit, zumindest 80 bis 90 Prozent vom gewünschten Klangergebnis bereits beim Recording zu erzielen.“ Auch Kerscher will nicht erst im Mix den Sound machen. „Ich arbeite sehr destruktiv, nehme immer Kompression und EQ gleich mit auf. Ich will in meiner Mix-Session alles so liegen haben, dass ich eigentlich schon glücklich bin.“

Zwei Geister

Bei aller Einigkeit in der grundlegenden Philosophie unterscheiden sich die Arbeitsansätze der beiden Ghost-City-Betreiber doch elementar. „Wir liegen tatsächlich an gegenseitigen Enden des Spektrums“, versucht sich Kerscher an einer Einordnung der Stile. „Der Klick ist für mich nicht Gott, sondern ein Werkzeug. Ich arbeite viel mit übermäßiger Verzerrung und schlechten Sounds, mit Dreck. Der Dreck nimmt dem Musiker die Angst vor dem Falschspielen. Wenn man die Angst vor dem Falschspielen verliert, dann fängt man an, richtig zu spielen.“

Adelhardt übernimmt: „Ich bin eher der Typ für sehr tighte Aufnahmen. Trotzdem versuche ich schon, dass es nicht quantisiert klingt oder nach Samples. Ich versuche, ein Zwischending zu finden zwischen dem krass aufgeräumten und dem natürlichen Sound.“ Einer anstehenden Produktion im Herbst, bei der sich beide als Produzenten einbringen können, sehen Adelhardt und Kerscher freudig gespannt entgegen.

Mehr als nur Produktion, …

Manchmal halten sich die Tonstudio-Betreiber auch ganz raus, wie Kerscher erklärt. „Wir kümmern uns daher viel darum, dass auch fremdvermietet wird. Wir können zu einem guten Budget den Leuten gute, gemütliche, große Räume mit Unterbringung anbieten.“ Wer also mit dem eigenen Produzenten in der Geisterstadt aufnehmen will, ist herzlich willkommen – vor gar nicht langer Zeit nahmen Jennifer Rostock dieses Angebot wahr.

Auch die Wissensvermittlung ist bei Ghost City Recordings ein wichtiger Aspekt. Aus diesem Grund werden regelmäßig Workshops gegeben, über die man sich auf der Website elementsofproducing.com informieren kann. Die Türen des Studios stehen aber nicht nur an Workshop-Tagen offen. „Wir haben gerne Besuch. Wir bieten auch Bands immer an, ihre Off-Days auf Tour hier zu verbringen. Ich kann gar nicht mehr zählen, wie viele Leute sich hier an dem Küchentisch kennengelernt haben, was dann später zu Projekten geführt hat.“

Willkommen sind nicht nur Besucher, sondern auch Leute, die mitarbeiten und Erfahrungen sammeln wollen. Kerscher: „Wir haben immer zwei Praktikanten im Haus, die wir als Assistenten werten. Die arbeiten uns super zu, bereiten Sessions vor, verkabeln, patchen, die betreuen auch mal Sessions als Tracking Engineer. Wir nehmen also auch immer gerne Praktikanten-Anfragen an. Viele unserer früheren Assistenten kommen später als Engineers oder Produzenten wieder und kommen natürlich zu guten Konditionen ins Studio.“

… doch nichts als Musik

Obwohl Ghost City Recordings ein facettenreiches Portfolio bietet, in den Studios findet nichts anderes statt als Musik. Sprachaufnahmen oder Werbeproduktionen, mit denen sich andere Tonstudios über Wasser halten, werden in Röttenbach höchstens ausnahmsweise gemacht. „So können wir uns treu bleiben“, sagt Adelhardt, „weil es das Einzige ist, was wir auch machen wollen.“

„Das ist der härtere Weg“, ergänzt Kerscher, „und es hat ziemlich lange gedauert, bis wir eine Auslastung erreicht hatten, die wirtschaftlich ist. Aber dadurch, dass wir eiskalt nur Musikproduktion durchgezogen haben, sind wir jetzt an einem Punkt, an dem wir sein wollen: Bands interessieren sich für uns, Produzenten interessieren sich für die Räume.“

Mittlerweile haben sich beide einen Namen gemacht und bekommen meist Anfragen für Projekte, die ihnen auch liegen. Falls sich doch mal ein Projekt ankündigt, das nicht so recht zu Ghost City Recordings passen will, werden die Studiobetreiber dennoch aktiv. „Wenn wir ein Angebot für eine Produktion bekommen, die musikalisch im Haus niemandem gefällt, dann leiten wir sie an jemanden weiter, von dem wir wissen, dass es passt“, beschreibt Kerscher das Prozedere. „Wichtig ist nur, dass die richtigen Leute zueinander finden. Dann können großartige Dinge enstehen.“

Abschied

Es ist schon was dran an der Magie dieses Studios. Nicht überall fühlt man sich so unvermittelt zuhause, ohne im tiefenentspannten Zustand gar die Konzentration sinken zu lassen. Ihrem Anspruch, Wohnlichkeit mit Professionalität zu verbinden, werden Alex Adelhardt und Jan Kerscher auf jeden Fall gerecht. Was sie mit ihrer eigenen Hände Arbeit errichtet haben (selbst die Akustik ist Eigenbau!), verdient den Titel eines kreativen Tempels. Wenn man die Ghost City verlässt, kann man nicht anders, als zu glauben: Hierher kehren wir zurück, irgendwann. In dieser Geisterstadt ist musikalisch mehr los als in mancher selbsternannten Hitfabrik.