Downhill Studio: Zu Gast bei Tom Peschel

Mitten in München vereint Tom Peschel analoge und digitale Technik zu einem Hybrid-Studio mit dem Namen Downhill. Im Mittelpunkt steht bei ihm jedoch kein großes Pult, sondern der Musiker.

Die Musik da abholen, wo sie ist

Das englische Wort „downhill“ scheint zunächst keine glückliche Wahl für den Namen eines Unternehmens, verbinden die meisten mit dem Wort doch eher wirtschaftlich magere Zeiten: bergab, Talfahrt. Besucht man Tom Peschel jedoch in seinem Downhill Studio, wird die Bedeutung ganz schnell klar. Denn vom Hinterhof zwischen hohen Münchner Stadtgebäuden führt eine steile Betonrampe zur Eingangstür des schicken Studios.

Dort begrüßt uns Peschel freundlich und stellt uns seine Mitarbeiter vor: Jeannie und Rio, die erste etwas kurz geraten, die zweite etwas zottelig, aber beide herzensgut und so umgänglich, wie Hunde nur sein können. Nicht ein einziges Mal hören wir die beiden bellen, aber besonders Jeannie begrüßt uns jedes Mal wieder mit freudiger Erregung, wenn wir in den Aufnahmeraum treten.

So ruhig die Hunde, so sehr ruht auch das Herrchen in sich. Entspannt posiert Peschel für unsere Fotos, und ebenso entspannt stellt er sich dem Interview, das wir stilecht zwischen Flügel und Rack führen.

Ein tolles Studio hast du hier. Die Aufnahmeräume sind so gestaltet, dass du mehrere Musiker gleichzeitig aufnehmen kannst. Das ist ein wichtiges Thema für Tonstudios, oder?

Peschel: Natürlich! Diese Overdub-Geschichten sind alle überholt, das ist alles Zeug aus den 80ern. Meine erste Aufnahme habe ich noch so gemacht, dass der Schlagzeuger auf einer Spur die Kick einspielen musste, in der nächsten Spur die Snare, dann nur die Hi-Hats, nur die Toms, nur die Overheads. In dieser Reihenfolge. Da gab es richtige Spezialisten in München, die das gut konnten.

Die einzelnen Teile des Schlagzeugs einzeln einspielen?

Peschel: Die durften immer nur ein Instrument spielen. Dementsprechend hat sich das angehört. Ich dachte mir, das kann es doch irgendwie nicht sein, dass man den fetten Sound nur so rauskriegt. Das klingt nachher zusammen auch nicht gut. Damals kam ich erstmals auf den Gedanken, dass ich etwas in der Richtung machen wollte.

So bist du also zur Musikproduktion gekommen?

Peschel: Zu dieser ersten Zeit gab es ganz viele Tontechniker, die gesagt haben, das Mikrofon müsse man ganz genau da hinstellen, weil nur da steht im Buch vom Sowieso drin, dass das Mikro gut klingt. Ich fand es immer spannender, diese Regeln zu brechen und von dem Schulwissen wegzugehen, eigen zu werden. Das ist ja auch in der Kunst der einzige Weg, dass du dein eigenes Ding findest, damit zu einzigartig wirst. Am Anfang habe ich viel in verschiedenen Studios aufgenommen, und ich fand das Produzieren immer spannend. Ich dachte mir nur jedes mal: Das würde ich eher so machen, und hier würde ich es ein bisschen anders machen, mir hat nur immer das Handwerkszeug dazu gefehlt.

Ich erkenne bei dir die drei Rollen von Musiker, Produzent und Techniker. Wie siehst du die Gewichtung dieser drei Rollen?

Peschel: Das muss man immer in die Waage bringen. Wenn eine Band zum Aufnehmen kommt, ist das Wichtigste, dass die Musiker gut spielen. Die müssen die beste Leistung bringen. Da darf ich, auch wenn ich als Techniker arbeite, nicht vergessen, wie es ist, als Musiker hier zu sein und zu arbeiten. Das muss ich immer im Kopf behalten. Wie kann man den Leuten den Weg gerade am leichtesten machen oder wo hakt es musikalisch. Wie kann man denen ein bisschen den Teppich ausrollen, dass sie schöne Sachen aufnehmen.

Ist das die Produzenten-Aufgabe?

Peschel: Er sollte die Zielgruppe im Sinn haben. Und natürlich muss er wissen, wie er mit seinem Handwerkszeug umgeht, also mit den Musikern oder dem musikalischen Material, den Ideen, die dafür einstehen. Letzten Endes auch die Technik. Es freut mich, wenn ein Produzent kommt und fragt, ob ich für den Gesang vielleicht mal ein U47 probieren möchte, weil das so röhrenmäßig warm kommt. Dann weiß ich, er kennt sich zumindest ein wenig aus.

Wie sieht deine Klientel aus? Produzierst du hauptsächlich Musik?

Peschel: Das ist relativ gut gedrittelt, mit einem vierten Aspekt, der vor kurzem dazugekommen ist. Der erste große Teil ist die ganze Trailer-Arbeit für ZDF Neo. Das beinhaltet die Sprachaufnahmen, aber eben auch die Trailer-Mischung. Dazu kommt noch der eine oder andere Dokumentar, Fernseh- oder Kurzfilm. Also das Thema Filmmischung, die ich mit dem neuen Setup im Studio ein bisschen forcieren wollte. Die Musiker-Ecke ist der zweite große Teil, was früher viel, viel mehr war. Aber nachdem die wirtschaftliche Tragfähigkeit für Musik nicht mehr so gegeben ist durch Downloads und Streaming, macht kaum noch eine Band CDs, du kannst CDs ja nicht mehr verkaufen.

Verschwindet das Kunstwerk ­Album? Musik wird ja heute oft Song-weise konsumiert.

Peschel: Ich glaube, da ist viel in den 80ern und 90ern kaputtgegangen. Dadurch, dass die CD eine unglaubliche Länge von knapp 80 Minuten dahergebracht hat. Das ist für mich zum Hören, zu viel, zu lange, ein Overload. Früher hast du auf einer LP 20 Minuten angehört und dann die Platte umgedreht und die andere Seite gehört. Die LP hatte 45 Minuten Musik, die Länge einer Schulstunde, das ist ideal. Wenn man sich im Moment die CDs anschaut, kommen viele wieder auf diese Längen zurück. Sie denken wieder kürzer.

Die Produktionsbudgets werden dadurch aber auch nicht üppiger.

Peschel: Das ist schade, dadurch kriegen die Bands nicht mehr die Chance, sich wirtschaftlich so aufzustellen, dass sich eine gute Aufnahme lohnt. Das Wichtigste an einer musikalischen Produktion ist, dass man Zeit hat, dass man sich Zeit lassen kann beim Aufnehmen. Gar nicht so sehr zum Einzuspielen, die meisten sind eh fit. Das Problem ist, dass man manchmal eine Aufnahme erst weglegen und später wieder anhören muss, am nächsten Tag. Wenn ich dann wieder sage, das finde ich cool, dann ist es gut. Genauso ist es bei einer Mischung ja auch, wenn ich es an einem Tag nicht hinbekomme, am nächsten Tag hört sich das wieder anders an, da fallen andere Sachen auf. Diese Zeit fehlt.

Wir waren eigentlich ja bei deinen vier Standbeinen.

Peschel: Stimmt, ja. Ich habe die Filmmischungen, ich habe die Musik. Der dritte Bereich sind reine Sprachaufnahmen – für Hörbücher. Einige Verlage kommen gerne für ihre Aufnahmen hierher, wegen des Tageslichtes. Für mich ist das immer klasse, weil das ja tolle Sprecher sind. Ich sitze dann in der Tonregie und bekomme ein Buch vorgelesen. (lacht) Und das auch noch in einer  Art und Weise, wie ich es mir besser nicht vorstellen kann. Das macht Spaß. Ein vierter Teil kommt jetzt neu dazu, ich mache für die österreichische Akademie Media Tontechnikkurse.

Du bist also Dozent?

Peschel: Genau, ähnlich wie es die Deutsche Pop oder die SAE machen. Der Akademie Media ist es wahnsinnig wichtig, dass die Dozenten fest in das Berufsleben integriert sind. Nicht irgendwelche Leute, die wissen, wie es gehen würde und sein könnte, sondern Leute, die viel zu tun haben. Die viele CDs aufgenommen haben, die wissen, wie es in der Praxis abläuft. Ein paar theoretische Kenntnisse sind natürlich interessant und sogar entscheidend: dass man die Mikrofonie versteht, dass man versteht, wie das Signal fließen muss in einem Studio. Das muss man mal kapieren, damit man es selbst hinbekommt. Danach geht es aber dann ganz viel darum, wie man das in echt macht. Wie kriegt man das auf eine gute Art und Weise hin. Dieses Handwerkszeug will ich den Studenten in die Hand geben.

Lass uns nochmal auf dein Studio zu sprechen kommen. Du hast einen teilbaren Aufnahmeraum, dessen Abschnitte sich akustisch deutlich unterscheiden.

Peschel: Die Entwicklung der Akustik hier hat ein Freund für mich gemacht, der schon einige Studios gebaut hat. Der hat aber nicht mit dem Rechenschieber ausgemessen, sondern ich habe ihm gesagt: An der einen Stelle wäre es super, wenn wir es ein bisschen trockener hinbekommen, da stehen meistens die Schlagzeuge, auch Sprache wird dort passieren; ich fände es aber gut, wenn man auf der anderen Seite den hellen, offenen Klang erhalten könnte, wie ich ihn vorher hatte. Die Schwierigkeit war, wie man den Klangeindruck bekommt, den ich vorher nur mit Rigipswänden und einer Steindecke hatte, ohne dass zu viele harte Reflexionen entstehen. Wichtig am Raum generell ist mir, dass er warm klingt. Das ist meine Grundbedingung. Da hatte er die wunderbare Idee mit diesen Streben. Das ist ja alles nur bemaltes Pressholz.

Die Streben sind also akustisch aktive Elemente?

Peschel: Das sind im Grunde angedeutete Raumtrenner, damit ich nicht die glatte Wand habe. Es ist einfach wichtig, dass man die Wände nicht alle glatt lässt. Das bricht es so ein bisschen auf. Wir dachten, wir hängen es mal rein und wenn es mir dann immer noch zu reflexionsstark ist, dann machen wir noch ein bisschen was mit Abdämpfen und verwenden einzelne Elemente. Aber eigentlich sollte dieser Raum offen sein und für Streicher und den Flügel gut klingen.

Die Regie macht einen sehr aufgeräumten Eindruck. Man kommt an alles ran und hat trotzdem Platz.

Peschel: Das ist natürlich eine Schwierigkeit. Es geht darum, die Quadratur des Kreises hinzubekommen. Auf der einen Seite wollen viele Musiker mitreden und man muss Platz für die Leute haben, auf der anderen Seite muss es so sein, dass man schnell agieren kann. Es hat geholfen, dass ich den Raum immer wieder umgebaut habe und so nach und nach alle Schwachpunkte ausmerzen konnte.

Das optische Herzstück in deinem Studio ist ein großer Controller, mit dem du arbeitest. Wie kam es zur Entscheidung für einen Controller?

Peschel: Ich habe immer gesagt, ich will eigentlich das Beste aus beiden Welten vereinen, analog und digital. Ich mag die analoge Seite liebend gern behalten, ich würde mir auch, wenn ich den Platz hätte, sofort wieder eine Zweizoll-Bandmaschine reinstellen und die Leute so aufnehmen, ganz einfach weil die Klientel auch dazu passen würde, die Musiker hier First Takes abliefern, ­also da haben wir keine großen Verluste. Auf der anderen Seite ist natürlich das Arbeiten auf der digitalen Ebene mittlerweile sehr wichtig, es muss einfach schnell gehen. Auch da wieder: Wichtig ist, es den Musikern, die hier arbeiten wollen, so unkompliziert wie möglich zu machen. Da gibt der große Controller die einfachste Möglichkeit, schnell an alle Regeleinheiten zu kommen. So gerne ich ein Neve-Pult hier hätte, jeder Kanal klingt dann eben wie Neve. Ich finde es interessanter, verschiedene Preamps benutzen zu können.

Du kannst mit unterschiedlichen Klangfarben arbeiten.

Peschel: Genau, ich kann unterschiedliche Klangfarben abfeuern. Wir haben mal ein wenig getestet, haben ganz unterschiedliche Mikros angesteckt. Angeschlossen an die gleiche Klangquelle, alle gleich gerichtet, akustische Gitarre aufgenommen, Sänger singen lassen, mal vor Snare oder Bass gehängt, und wir haben die Mikros nicht erkannt. Was wir erkannt haben, waren die Preamps.

Das hätte ich nach Gefühl genau andersrum geschätzt.

Peschel: Du erkennst natürlich schon, ob das jetzt ein Kondensator ist, da hast du oben einfach etwas mehr, oder ein dynamisches Mic. Das kann man noch gut auseinanderhalten. Aber trotzdem hatten wir bei den Mikros eine Trefferquote von 20 Prozent, und das war mehr Glück als Wissen. Was wir aber wirklich zu 80 Prozent erwischt haben, waren die Preamps. Wir haben den Test dann eben andersrum gemacht, dass wir ein Mikro genommen haben, von dem wir wissen, wie es klingt, und das über verschiedene Preamps haben laufen lassen. Das war spannend.

Preamps sind ein gutes Stichwort. Du hast ein paar schöne Schätzchen in den Racks.

Peschel: Ja, immer noch viel zu wenig.

Man hat immer zu wenig.

Peschel: (lacht) Naja, da wüsste ich schon noch zwei, drei, fünf verschiedene Preamps, die verschiedene Farben produzieren. Aber es ist wohl schon ganz ordentlich, ich kann eine Band ganz gut aufnehmen.

Du hast auch einige Channel-Strips. Arbeitest du bereits bei der Aufnahme mit EQ und Kompressoren?

Peschel: Mit Kompressoren relativ wenig, weil ich beim Mix genauer höre, wie ich komprimieren will. Equalizer nutze ich zum Vorformulieren. Wenn ich weiß, es ist eine Rockband, dann drehe ich ein bisschen Knack bei der Kick rein. Außerdem drehe ich den Schmutz untenrum raus bei der Aufnahme. Ansonsten versuche ich eher hinzuhören, ob ich alles habe, was ich für das Signal brauche. Also dass ich nirgendwo ein Loch habe, dass die Mitten klar da sind.

Formst du den Klang sonst noch beim Aufnehmen?

Peschel: Ich setze die Preamps ein. Bei Schlagzeug-Overheads zum Beispiel nutze ich gerne den TL Audio Ivory. Da weiß ich, der macht ein bisschen schöne Obertonverzerrung. Dann gibt es ein paar Channel-Strips, die man für alles gut einsetzen kann. Das Producer Pack (Focusrite ISA 430 – Anm. d. Red.) ist so ein Allrounder, den man immer gut hernehmen kann. Der bringt ein bisschen Wärme, das gefällt mir super. So richtig starke Färbungen hole ich mir aber lieber beim Mischen, wenn ich es wirklich so bunt brauche. Von daher versuche ich es eher sauber und  halten. Die Siemens V276 zum Beispiel sind in den Höhen nicht perfekt im Frequenzgang, haben aber ungeheuer aufgeräumte, klare Mitten, die machen irre Druck. Das brauche ich vielleicht nicht für eine Stimme, da muss mehr Glanz oben sein, aber für Gitarren, ein Rhodes oder Toms sind die V276 oft genau richtig.

Bindest du Outboard bei dir auch in der Mischung noch ein oder ist das für dich reines Frontend?

Peschel: Das mache ich sogar sehr gerne! Es hängt natürlich immer von der Musik ab. Bei einer Jazz-Band brauche ich nicht nachträglich zu versuchen, das Schlagzeug anzuzerren. Bei einer Blues-Band dagegen ist das super! Außerdem finde ich, dass Hall-Geschichten immer noch weit voraus sind. Da klingen die echten immer noch um ein Vielfaches besser als die Plug-ins.

Du hast ein 300 und ein 480L von Lexicon sowie den Bricasti-M7 von Bricasti und dann noch Lexicon-PCM-Modelle. Du setzt für die Raumgestaltung im Mix die Hardware-Reverbs ein?

Peschel: Wahnsinnig gern! Der M7 macht fantastische Räume, der bildet so klar ab und macht eine ganz schöne ortbare Tiefe. Wenn es ein bisschen weicher werden soll, zum Beispiel für Stimmen, sind alle Lexicons super. PCM70 finde ich immer noch den besten Gesangs-Hall, den es gibt. Ein Preset einstellen und nie mehr ändern. Genauso wie den Eventide, den H3000. Da gibt es ja immer noch Leute, die haben ein Setup, das lassen sie stehen, und wenn sie ein zweites brauchen, kaufen sie sich einen zweiten H3000.

Hinter Plexiglas im Rack.

Peschel: Genau, darfst du nie verändern, nie irgendwas umstellen. So muss das sein. Kompressoren dagegen nutze ich weniger. Nur beim Mastering, da verwende ich gerne mal den Focusrite Blue 330 oder den Millennia. Das sind gute Schönmacher.

Was würdest du Nachwuchs-Mischern auf den Weg geben?

Peschel: Dass das Mischen selber keine große Hexerei ist. Ohren auf und machen. Das ist wie bei den Köchen. Köche sagen genau das gleiche, du kannst dir ein Rezept durchlesen, aber letzten Endes, mach es einfach und mach, wie du selber denkst. Auch bei der Akademie, da sage ich nicht, ihr müsst die Kick genau so laut machen und den EQ rein und den EQ so einstellen, sondern: Probiert es aus, macht es. Macht es, macht Fehler, dann wird es!